Outdoor-Goals

Ans Ziel nach Flensburg

Handel hat in Schleswig-Holstein eine lange Tradition. Es ist die Schnittstelle zwischen Ostseeraum, Skandinavien und Deutschland und auf einem der alten Handelswege habe ich meine Deutschlandwanderung abgeschlossen.

Über Jahrhunderte hinweg hat sich eine Route von Hamburg nordwärts nach Dänemark hinein entwickelt, die bis ins 19. Jahrhundert und dem Bau der Eisenbahn dem Viehtransport von Jütland nach Nord- und Westdeutschland diente und daher den Namen „Ochsenweg“ trägt. Im Dänischen und vor allem im dänischen Teil Jütlands heißt der Weg „Haervejen“ obwohl die militärische Bedeutung der Route begrenzt war. Der Weg verläuft entlang den Höhenzügen im östlichen Teil Holsteins und Schleswigs und hat zur Entstehung der größeren Ortschaften an seinem Verlauf beigetragen: Neumünster, Rendsburg, Schleswig, Flensburg, Aabenraa, Vejle.

Heute folgen die wichtigsten Transportwege grob dem Verlauf des Ochsenwegs: Die A7 und die Bahnlinie Hamburg – Flensburg – Fredericia.

Mein Ziel war es, das Thema der alte Wege aufzugreifen und auf dem Ochsenweg nach Flensburg zu laufen. Von Lübeck aus musste ich daher den Wegverlauf erreichen und bin durch das holsteinische Hügelland über Bad Segeberg nach Neumünster gewandert. Es gab offenbar einen alten Handelsweg, die Lübsche Trade, der Lübeck über Bad Segeberg und Neumünster mit Dithmarschen verband, aber dieser Wegverlauf ist nicht mehr nachzuvollziehen.

Die leicht wellige, landwirtschaftlich geprägte Region hat für die zwei Tage schöne Abwechslung geboten. Die Landstraßen waren meist mit begleitenden Radwegen ausgestattet, auf denen man einfach und angenehm voran kommen konnte.

In Neumünster hat sich aber bald herausgestellt, dass schwierig ist, den „richtigen“ Wegverlauf des Ochsenwegs zu finden und ihm zu folgen. Innerhalb der Ortschaften, vor allem der größeren Städte Neumünster und Rendsburg, habe ich mich an die Ausfallstraßen gehalten. Diese sind aus den alten Landstraßen entstanden die die Orte miteinander verbunden haben.

Außerhalb der Ortschaften gibt es allerdings wenig Anhaltspunkte für den Wegverlauf und die direkten Straßenverbindungen, die vermutlich auf dem ehemaligen Wegverlauf entstanden sind, sind so stark ausgebaut, dass sie für Wanderer nicht geeignet sind.

Eine gute Alternative sind daher die für Wanderer und Radwanderer ausgewiesenen Routen des Ochsenwegs. Diese folgen grob der historischen Strecke, sind aber vor allem abseits der Hauptstraßen auf Wirtschaftswegen und ausgebauten, straßenbegleitenden Radwegen angelegt und gut beschildert.

In den Tagen, die ich auf dem Ochsenweg unterwegs war, ist ein Großteil des Mais geerntet worden, der für Silage und Biomasse genutzt wird. Anfangs habe ich mich über die vielen Traktoren mit Anhänger gewundert, die mir auf den schmalen Feldwegen begegnet sind. Dann bin ich an Feldern mit Häckslern in Aktion vorbei gewandert und schließlich an einer Biomasseanlage, an der die Maishäcksel abgeladen wurden. Das hat einen interessanten Blick darauf gegeben, was eigentlich mit diesem kümmerlichen Mais passiert, der noch nicht mal richtige Kolben hat.

Er ist ebenso ein Teil der Energiewende, wie die Großbaustelle von etwa zehn Windkraftanlagen, durch die am Tag darauf gekommen bin. Die Bauteile der Rotorblätter und den Generator neben mir am Boden zu sehen, hat mir ein ganz neues Gefühl für die Größe dieser modernen Anlagen gegeben.

Ohne diese unerwarteten Entdeckungen wäre die Zeit wahrscheinlich auch etwas lang geworden. Die Landschaft in Mitten von Schleswig-Holstein bietet nicht so viel Abwechslung.

Rendsburg hat als Tagesziel mit dem Nord-OstseeKanal und der Eisenbahnhochbrücke nochmal schöne Akzente gesetzt. Am späten Nachmittag, als ich in Rendsburg angekommen bin, ist gerade ein Güterzug auf die Hochbrücke gefahren und am Kanal war ein Konvoi von Schiffen in Richtung Kiel zu bewundern. Die modernen Transportwege für Container, die in Hamburg ankommen in Aktion.

Schleswig hat sich mit den Hinweisschildern auf das Danewerk angekündigt. Zuletzt fand an dieser Verteidigungsstellung 1864 ein Gefecht zwischen dänischen und österreichischen Truppen statt – eine ungewöhnliche „Begegnung” im deutsch-dänischen Krieg.

Entstanden ist das Danewerk jedoch viele Jahrhunderte vorher, um den an dieser Stelle von der Nord- zur Ostsee verlaufenden Handelsweg der Wikinger und ihr Handelszentrum Haithabu zu schützen. Schon wieder ein Handelsweg und sozusagen der Vorläufer des Nord-Ostsee-Kanals.

Mit der Zerstörung Haithabus 1066 hat auch dieser Handelsweg über Eider, Treene und Schlei an Bedeutung verloren.

In der Altstadt von Schleswig zeigen sich – nicht verwunderlich – die ersten dänischen Einflüsse. Die kleinen, bunten und gut gepflegten Häuser erinnern schon an dänische Orte.

Auf dem Weg der letzten Etappe nach Flensburg kommen dann dänisch klingende Ortsnamen hinzu und das Ortsschild von Flensburg selbst ist schon zweisprachig: Flensborg.

In der Stadt hört man dann Menschen, die dänisch sprechen – es kann einfach nicht mehr weit sein!

Von der schönen Altstadt und dem Hafen in Flensburg war es dann noch eine Stunde bis zur Grenze und dann war es ganz plötzlich geschafft: Eine kleine Fußgängerbrücke und ich war am Ziel.

Ich bin einmal durch Deutschland gelaufen! Von Basel nach Flensburg, von der Schweiz nach Dänemark. Drei Jahre und 1550 km hat es bis zum Ziel gedauert.

Ein seltsames Gefühl. Die Freude, am Ziel zu sein, einerseits und die Erkenntnis, dass die Wanderungen, die schon so normal waren, sind erst mal vorbei sind.

Flensburg hat mich drei Jahre angetrieben, auch wenn es schwierig war.

Ganz nebenbei ist Wandern aber so wichtig geworden, dass es nicht mehr reicht, in Flensburg anzukommen.

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